Jacques de Lacretelle
Marie Bonifas
Roman

Sensibel und tumb, Ausgestoßene und Heldin: Marie Bonifas ist eine einzigartige Figur in der französischen Literatur und Lacretelles Roman über einen Menschen jenseits der Geschlechternorm ein für seine Zeit erstaunliches Werk.

Als Kind kommt Marie Bonifas mit ihrem Vater, einem groben Ex-Offizier, ins nordfranzösische Vermont, um eine ererbte Villa zu beziehen. Marie ist nicht hübsch, sie ist ungelenk und roh und niemals niedlich. Ein erster liebevoller Bezug ist das Dienstmädchen Reine, und später in einem reformerischen Pensionat kann Marie ihre ungewöhnlich »männlichen« Züge frei entfalten. Nach dem Tod ihres Vaters versucht sie sich in Vermont in die Gesellschaft der Provinzstadt einzupassen, die Lacretelle mit feiner Ironie beschreibt: von der lyrikverliebten Salongastgeberin über den asthmatischen Notar bis hin zum trägen Bürgermeister. Aber ihre Ablehnung von Männern, ihre ruppige Art und ihre besondere Fürsorge für die junge erkrankte Claire führen zu Verdächtigungen, Verleumdungen, Hass, Ausgrenzung und Übergriffen. Erst als im Ersten Weltkrieg die Stadt dem Feind ausgeliefert ist, werden Maries Besonderheiten sie zur Heldin machen. Aber was ist mit ihrem persönlichen Glück? Lacretelle hat mit diesem Roman 1925 auf Menschen wie Marie Bonifas aufmerksam gemacht, ungewöhnlich früh und einfühlsam.

Aus dem Französischen von Claire Bray und Irène Kuhn und mit
einem Nachwort von Miku Sophie Kühmel.

Einbandgestaltung unter Verwendung eines Gemäldes von Simone Lucas.

Lilienfeldiana Band 25
ca. 400 Seiten
Halbleinen, Fadenheftung, Leseband
10,5 × 18 cm
(D) € 26,00, (A) € 26,70, sFr 35,00 (UVP)
ISBN 978-3-940357-86-1

Auch als E-Book erhältlich

Erscheinungstermin: Mai 2021

Dem 1888 geborenen Jacques de Lacretelle wurden Sprachempfinden und Weltoffenheit in die Wiege gelegt: Zwei Vorfahren waren in der Académie française, der er ab 1936 auch selbst angehören sollte, als Diplomatensohn verbrachte er die ersten zehn Lebensjahre im Ausland, und nach dem Tod seines Vaters lebte er bei seinem Großvater, einem linken Dichter und Freund Lamartines. Nur wenige seiner Werke wurden ins Deutsche übersetzt. Bedeutend war daneben auch sein Einsatz für die Wiedergeburt der großen Tageszeitung Le Figaro nach 1945. Und mit dem ­letzten Roman Quand le destin nous mène (1981) wandte sich Lacretelle, der vor dem Zweiten Weltkrieg auch in extrem konservativen Kreisen aktiv war, noch einmal dem Thema von Silbermann zu und erzählte ein jüdisch-französisches Schicksal. Im Januar 1985 starb er in Paris. 

Außerdem im Lilienfeld Verlag von Jacques de Lacretelle:

Silbermann